Kommunistische Partei der ArbeiterInnen (Norwegen)

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Technologie aus der Sicht
von Klassen- und Umweltperspektive

von Ottar Solberg

Dieser Artikel beruht auf einem einleitenden Referat, das auf dem "fjellstevne"
[etwa: Gebirgstreffen, d.Ü.] der AKP auf Puttensæter am 22.7.1996 gehalten wurde

Røde Fane 4, 1996 - Teknologi i klasse- og miljøperspektiv


Seit Bestehen des Kapitalismus ist nicht mehr der Warenproduzent - der Arbeiter - der Erstbesitzer des Arbeitsproduktes Ware. Es ist der Kapitalist, der die Arbeitsprodukte besitzt. Damit entsteht m. E. auch eine qualitative Veränderung im Verhältnis - im Abstand - zwischen dem Entwickler und dem Anwender von Technologie.

Der Arbeiter wendet Technologie an, allerdings in einem ihm entfremdeten Prozeß, der sich außerhalb seiner Sphäre befindet.

Ich werde versuchen, etwas zur technologischen Entwicklung zu sagen, wie ich sie einschätze, welchen Platz sie in der gesellschaftlichen Entwicklung eingenommen hat und über den Einfluß der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Entwicklung der Technologie. Ich will versuchen, einige neue Blickwinkel bei der Betrachtung der technologischen Entwicklung vorzustellen, eine Reihe scheinbarer Gewißheiten mit Fragezeichen zu versehen. Kurz gesagt möchte ich versuchen, deutlich zu machen, daß die technologische Entwicklung etwas darstellt, zu dem wir ein sehr bewußtes Verhältnis pflegen sollten. Sie befindet sich nicht außerhalb unserer Einfluß- und Beurteilungssphäre.

Möglicherweise hätte der Titel lieber "Die technologische Entwicklung in historischer und politischer Perspektive" lauten sollen.

Es können sicherlich viele Fragezeichen hinter die hier von mir aufgestellten Behauptungen gesetzt werden, aber ich hoffe trotzdem, daß sie mehr Leute dazu bringen werden, sich nochmals mit dem Fragenkomplex von Technologie, Klassen und Umwelt zu befassen. Die Technologiefrage ist m. E. in keinster Weise ein abgegrenztes, technisches Ding. Sie ist untrennbarer Bestandteil der Philosophie und Analyse, auf die sich Marxisten stützen. Ich bin nur dazu gekommen, mir einige Teile davon anzuschauen. Wir müssen uns mit Technologie beschäftigen, sie wirkt auf uns, und wir müssen auf sie zurückwirken.

Ich will versuchen, einige Begriffe und Zusammenhänge zu bestimmen.

Technologie?

Was verstehen wir unter dem Begriff Technologie?

In ihrem Austausch mit der Natur verwenden die Menschen Ausrüstungsgegenstände, Werkzeuge - Hilfsmittel. Die Menschen organisieren auch sich selbst und die Anwendung der Ausrüstung, Werkzeuge, Hilfsmittel. Unter dem Begriff Technologie sollen sowohl die technischen Dinge als auch die Organisierung ihrer Anwendung verstanden werden. Also nicht nur die Technik und die Ausrüstungsgegenstände, sondern auch die Organisierung der Gesellschaft und von Aktivitäten.

Austausch mit der Natur

Ich verwende die Bezeichnung "Austausch mit der Natur" anstelle von "Kampf mit/gegen die Natur", und ich habe diesen Ausdruck aus den philosophischen Schriften von Marx übernommen [Austausch = Stoffwechsel, d.Ü.]. Damit ist die Absicht verbunden, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der Mensch eben kein Wesen ist, das über oder im Gegensatz zur Natur steht. Der Mensch ist ein Teil der Natur und muß seinen Platz in ihr finden, sie sich zu Nutze machen, im Einklang mit ihr leben. Manchmal, und in manchen Zusammenhängen, kann dies ein harter Kampf sein. Hierin kommt auch zum Ausdruck, daß es nicht ein Ziel des Menschen sein kann, im absoluten Sinne zum Herrscher über die Natur zu werden. Ohne einen solchen Ausgangspunkt werden alle Überlegungen sehr eindimensional und bieten keinen Raum für die Vielfältigkeit, die sich in der Realität findet.

Der Fortschrittsglaube, von dem manche Zeitgenossen reden, läuft schnell darauf hinaus, daß das Ziel und die Entwicklung festliegen und daß davon ausgehend jegliche Entwicklung folgerichtig und positiv ist. Alles entwickelt sich weiter, auf vorgefertigten Schienen.

Ich möchte an dieser Stelle kurz etwas von Darwin und seiner Entwicklungstheorie einfließen lassen, wobei ich glaube, daß die allermeisten zu schnell denken, daß es die These vom Überleben des Stärksten sei, die den wesentlichen Bestandteil des Darwinismus bilde. Es ist ja schließlich auch ein Anliegen aller Nutursendungen im Fernsehen, zu erreichen, daß wir dies denken. Aber es war nicht das, was Darwin in seine Theorie gelegt hatte. Worum es sich handelt ist, daß es der Anpassungsfähigste ist, der überlebt, und das ist natürlich etwas völlig anderes. Da handelt es sich nicht um einen eindimensionalen Faktor, der die Triebkraft darstellt.

Technologieentwickler - Technologieanwender

Technologieentwickler und Technologieanwender in diesem oder jenem Sinne, haben wir die meisten Gesellschaftsformen hindurch im Laufe der Geschichte gehabt. Ich möchte besonderes Gewicht auf das legen, was ich den Abstand zwischen Technologieentwickler und Technologieanwender nenne. Dies beinhaltet zunächst nicht mehr, als daß die Technologie nicht immer unmittelbar in der Produktion entwickelt wird, im Austausch mit der Natur, es läuft darauf hinaus, daß es nicht immer der Arbeiter ist, nicht immer derjenige der produziert, der die Technologie entwickelt.

Rolle und Bedeutung der Technologie

Wie sollen wir also die bisherige technologische Entwicklung und die künftige beurteilen? Wonach sollten wir Ausschau halten um sie zu verstehen? Welche Rolle spielt die Technologie in der Gesellschaftsentwicklung und welchen Einfluß übt das Gesellschaftssystem auf die technologische Entwicklung aus?

Es hat in unserer Zeit und auch zuvor viele Diskussionen darüber gegeben, welches die grundlegende Triebkraft der Gesellschaftsentwicklung ist, die Produktivkräfte oder die Produktionsverhältnisse.

In [der Zeitschrift, d.Ü.] Materialisten von 1984 fand ich einige Artikel von Erling Kielland und Pål Steigan, wo sie sich in dieser Frage gegenüberstanden. Marx sagt im Elend der Philosophie: "Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften. Mit der Erwerbung neuer Produktivkräfte verändern die Menschen ihre Produktionsweise, und mit der Veränderung der Produktionsweise, der Art, ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, verändern sie alle ihre gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten."

Kielland meinte den Beweis führen zu können, daß die grundlegende Ursache gesellschaftlicher Veränderung in der Entwicklung der gesellschaftlichen Verhältnisse liegt; es sei die Krise der feudalistischen Organisation gewesen, die dem Kapitalismus den Weg ebnete, nicht die Dampfmühle. Steigan seinerseits vertrat die Auffassung, daß es die Dampfmühle gewesen ist, die den Feudalismus vernichtet und den Kapitalismus vorangebracht habe.

Ich meine, daß keine einzelne technologische Vorrichtung die Revolution alleine herbeiführen kann, genausowenig wie organisatorische Probleme in herrschenden Gesellschaftssystemen dazu in der Lage sind. Es ist der Widerspruch zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen, der die Gesellschaftsentwicklung vorantreibt.

Die Dampfmühle und der Kapitalismus

Gesellschaftliche Verhältnisse, Produktionsverhältnisse üben einen Einfluß auf die technologische Entwicklung aus, und die technologische Entwicklung wirkt auf die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Produktionsverhältnisse ein. Dies bricht m. E. in keinster Weise mit dem dialektischen und dem historischen Materialismus. Es ist die gesellschaftliche Realität, die unsere Gedanken bestimmt, und nicht umgekehrt, aber die Realität ist nicht so eng aufzufassen, als daß die gesellschaftliche Organisation kein Teil dieser Realität wäre.

Nach meiner Auffassung bricht dies auch nicht mit der Erkenntnis, daß einem technologischen Entwicklungsstand eine gesellschaftsmäßige Organisationsform entspricht.

Es ist was dran an der Aussage, daß die Dampfmühle zum Kapitalismus gehört. Die Verbindung ist nicht mechanisch oder einfach und direkt. Die Dampfmühle war schon eine wichtige Voraussetzung für den Übergang des europäischen Feudalismus zum Kapitalismus, aber sie war nicht der einzige auslösende Faktor.

Veränderungen in der uns umgebenden Realität setzen Veränderungen in unseren Gedanken in Gang. Und Veränderungen in Gedanken, gesellschaftlicher Organisation können zu einem Zeitpunkt günstiger Bedingungen zu einer tiefgreifenden Gesellschaftsumwälzung - Revolution - führen.

Hiervon ausgehend meine ich, daß die technologische Entwicklung eine äußerst wichtige Rolle bei der Inganghaltung der Gesellschaftsentwicklung spielt. Aber es ist die Wechselwirkung, der Widerspruch zwischen der technischen Technologie und der Gesellschaftsorganisation die die wirkliche Triebkraft darstellt. Die Technologie stellt eine notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung dar, um in einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Umwälzung, einer Revolution zu resultieren. Marx sagt im Kapital [1]:

"Die natürlichen Bedürfnisse selbst, wie Nahrung, Kleidung, Heizung, Wohnung usw., sind verschieden je nach den klimatischen und andren natürlichen Eigentümlichkeiten eines Landes. Andrerseits ist der Umfang sog. notwendiger Bedürfnisse, wie die Art ihrer Befriedigung, selbst ein historisches Produkt und hängt daher großenteils von der Kulturstufe eines Landes, unter andrem auch wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen, und daher mit welchen Gewohnheiten und Lebensansprüchen die Klasse der freien Arbeiter sich gebildet hat. Im Gegensatz zu den andren Waren enthält also die Wertbestimmung der Arbeitskraft ein historisches und moralisches Element. Für ein bestimmtes Land, zu einer bestimmten Periode jedoch, ist der Durchschnitts-Umkreis der notwendigen Lebensmittel gegeben."

Dies sollte m. E. eine deutliche Aussage dafür sein, daß die Gesellschaftsorganisation, mit all ihren Bestandteilen, darauf einwirkt, welche Art von technologischer Entwicklung wir erhalten.

Die technologische Entwicklung

Die Technologie entwickelt sich im Austausch des Menschen mit der Natur zur Erzielung eines besseren Lebens. Ich werde mich hier nicht besonders mit dem technischen und konkreten Inhalt der technologischen Entwicklung beschäftigen. Aber wir haben ja wohl alle eine gewisse Vorstellung davon, angefangen von den ersten einzelnen Werkzeugen, mit denen die Menschen anfingen, sich mittels Jagd und Ackerbau Nahrung zu verschaffen, bis hin zu den heutigen datengesteuerten Kriegswaffen und auch datengesteuerten landwirtschaftlichen Maschinen.

Im großen und ganzen ist die technologische Entwicklung für die Menschen positiv gewesen, auf jeden Fall bis weit in unsere Zeit hineinreichend. Obgleich nicht alles, was entwickelt wurde, gut war, ist die Haupttendenz doch gut gewesen. Aber vielleicht können wir die Frage danach stellen, in welchem Grad diese Entwicklung jetzt positiv ist. Diejenigen, die diese Frage näher untersucht haben, behaupten, daß die technologische Entwicklung uneben verlaufen ist, und das ist wohl richtig. Sie sagen, daß diese Entwicklung während der Sklavenhaltergesellschaft langsam verlaufen ist. Sie gewann an Fahrt während des Feudalismus, und hat wohl eine noch größere Beschleunigung im Kapitalismus erfahren.

Warum verhält es sich so? Gibt es etwas in der gesellschaftlichen Organisation, was auf die technologische Entwicklung einwirkt?

Ich will davon absehen, wie sich z.B. die Entwicklung der Technologie zum Pyramidenbau in Ägypten vollzogen hat und wie sie wieder verschwand. Demnach spezielle Technologien, die existiert haben. Ich will stattdessen meinen Blick auf die schlichte, nahrungsrelevante Technologie richten, um es mal so auszudrücken. Hier werde ich den Aspekt des Abstandes zwischen Technologieentwickler und Technologieanwender einfließen lassen.

In der Sklavenhaltergesellschaft nahmen die Sklavenbesitzer nicht an der Produktion teil, sie hatten Sklaven, die für sie arbeiteten. Die Sklavenbesitzer hatten einen sehr begrenzten Austausch mit der Natur zur Aufrechterhaltung ihres Lebensstils. Es verhielt sich auch derart, daß körperliche Arbeit unter der Würde eines jeden freien Bürgers lag. Die Sklaven waren auf eine Weise als Sklaven sichergestellt und sahen keine Möglichkeit, etwas anderes sein zu können. Daher hatten auch sie kein Interesse an der Technologieentwicklung.

Ich werde nicht die ökonomischen Verhältnisse der Sklavenhaltergesellschaft bewerten, aber es gab dort wohl nicht viele Triebkräfte, die die Technolgie in Verbindung mit dem Lebensunterhalt entwickeln konnten. Die Sklaven waren Technologieanwender, aber nicht in einer Situation, die ihnen die Möglichkeit gab, Technologieentwickler zu sein. Die Sklavenbesitzer und andere freie Bürger hätten Technologieentwickler sein können, aber waren weit von der Technologieanwendung entfernt, und erhielten von daher nicht viele Anregungen zur Entwicklung der Technologie. Vielleicht ist dies die Grundlage für die fehlende technologische Entwicklung. Dieses Fehlen von technologischer Entwicklung wurde vielleicht zu dem, was die Widersprüche in der Sklavenhaltergesellschaft erschuf, die zu ihrem Untergang führten und zum Heranwachsen des Feudalismus. Die Sklavenhaltergesellschaft schaffte es nicht, sich weiterhin mit der herrschenden Technologie zu erhalten, und schaffte auch nicht die Weiterentwicklung der Technologie.

Technologieentwicklung im Feudalismus

Seit dem Bestehen des Feudalismus erhielten wir u.a. die Bauern, die im Gegensatz zu den Sklaven auf ihre eigenen Lebensverhältnisse durch den Austausch mit der Natur einwirken konnten. Damit erhielt m.E. die Entwicklung der Landwirtschaftstechnologie eine enorme Schubkraft. Während des Feudalismus konnten die Technologieanwender auch Technologieentwickler sein. Den Sklaven gab es nicht mehr, nun war es für die Bürger akzeptabel, zu arbeiten - zu produzieren. Die herrschende Klasse der Feudalherren stand auch der Produktion viel näher als die Sklavenbesitzer. In dem Maße, wie die feudalistische Organisationsform sich nach und nach entfaltete, konnte die Technologie besser angewendet werden, aber vor allem setzte sie eine Neuentwicklung in Gang, und der Feudalismus übernahm die Hegemonie.

Weiter zum Abstand zwischen Technologieentwickler und Technologieanwender: In den sog. primitiven Gesellschaften, den ersten Gesellschaften, war es in hohem Maße der Anwender selbst, der die Technologie entwickelte, die Technologie wurde angewendet und entwickelt im konkreten Austausch mit der Natur. Entwickler und Anwender waren ein und dieselbe Person. Und ich glaube, so war es ganz lange, wobei ich außenvorhalte, ob die Sklavenhaltergesellschaft eigentlich ein Glied in der Entwicklungskette gewesen ist.

Die Entfremdung

Ich glaube, daß die grundlegende Veränderung in dieser Hinsicht mit dem Kapitalismus eintrat.

Nun müssen wir einige Begriffe der Philosophie heranziehen: Ich denke da an den Begriff der Entfremdung. Marx greift ihn in seinen philosophischen Schriften auf, als ungemein zentralen Bestandteil des Kapitalismus. Die Fähigkeit des Menschen zu Arbeit, Produktion, Austausch mit der Natur, wird zu etwas, das der Mensch selber nicht zu seinem eigenen Nutzen verwenden kann. Sie wird eine Ware, die der Mensch auf einem Markt verkauft und aus der andere ihren Nutzen ziehen. Die Produkte der menschlichen Arbeit werden zu etwas, das jemand anderes besitzt und darüber verfügt. Die Arbeit wird zu etwas, das sich außerhalb des Menschen selbst befindet, dem Menschen entfremdet. Der Mensch wird entfremdet, wenn er seiner eigenen Arbeit entfremdet wird.

Bis zum Beginn und auch im Verlauf der dem Kapitalismus vorgelagerten Warenproduktionswirtschaft, so Marx im Kapital, war der Produzent der Ware identisch mit dem Erstbesitzer der Ware. Aber seit Bestehen des Kapitalismus verhält es sich nicht mehr derart, der Warenproduzent, der Arbeiter ist nicht mehr der Ersbesitzer des Arbeitsproduktes, der Ware. Es ist der Kapitalist, der die Arbeitsprodukte besitzt. Damit entsteht m. E. auch eine qualitative Veränderung im Verhältnis - im Abstand - zwischen dem Entwickler und dem Anwender von Technologie. Der Arbeiter wendet Technologie an, allerdings in einem ihm entfremdeten Prozeß, der sich außerhalb seiner Sphäre befindet.

Was die Entwicklung im Kapitalismus antreibt, ist der Wunsch nach mehr Profit. Da muß die Produktion effektiver werden. Es müssen neue Produkte entwickelt werden, mit denen Geld verdient werden kann. Die Steigerung der Effektivität und die Entwicklung neuer Produkte fungieren als Triebkräfte. Der Entwickler von Technologie ist nicht vorrangig der Arbeiter, der Technologieanwender, sondern eigene Entwickler mit enger Bindung zum Kapitalisten. Die Bereiche, wo der Austausch mit der Natur, die Arbeit, unmittelbar zum eigenen Nutzen des Arbeiters gereichen, befinden sich im Haushalt, der Reproduktionssphäre. Aber dies ist ein Bereich, der außerhalb des herrschenden ökonomischen Systems der kapitalistischen Gesellschaft liegt. Die Möglichkeit einer Technologieentwicklung besitzt hier keinen weiteren fruchtbaren Boden, wenn sie nicht zu einer Technologie führen kann, die vom Kapital übernommen und profitsteigernd verwertet werden kann. Laßt mich folgendes einschieben: Es ist klar, daß es auch lange vor der Existenz des Kapitalismus spezielle Technologieentwickler, Produzenten von Technologie gab. Technologie wurde gekauft. Einige spezialisierten sich auf die Produktion einzelner Technologietypen. Ideen und Technologie wurden gekauft und verkauft, aber es gab weiterhin eine Art Nähe zwischen Entwickler und Anwender.

Die technologische Entwicklung im Kapitalismus

Die Technologie wird im Austausch des Menschen mit der Natur entwickelt, und eine positive Entwicklung muß diejenige Entwicklung sein, die zu einer Gesellschaftsentwicklung führt, die den Menschen in ihrem Austausch mit der Natur bessere Lebensbedingungen verschafft. Ich habe bereits etwas über diese Entwicklung gesagt, von welcherart Kräfte sie angetrieben wird. Und da sollte es gar nicht so abwegig erscheinen zu sagen, daß diejenigen, die die Technologieentwicklung betreiben, und die selbstverständlich auch einen Einfluß darauf ausüben, welche Entwicklung, welche Technologie wir im Kapitalismus bekommen, nicht in erster Linie mit dem Wohl und Wehe der Menschen beschäftigt sind. Da wäre ganz sicher vieles der Technologie uninteressant und direkt schädlich.

Sie kann kurzfristige Gewinne verschaffen, vielleicht nur für einige wenige, und langfristige Schäden für die vielen. Die Grüne Revolution in den 70er Jahren, mit Super-Weizen usw., sollte das Nahrungs- und Hungerproblem der Weltbevölkerung lösen. Es gab wohl einen Teil, der viel Geld mit ihr verdiente, aber sie war auf Sicht in hohem Grade zum Schaden für die vielen.

Andererseits gibt es im Rahmen der Entwicklung von Technologie zahlreiche Forschungsergebnisse, die äußerst nützlich sein könnten, die aber nicht verwendet werden, da lediglich der Profit bestimmend ist.

Kjersti Ericsson [bekannte norweg. Linke, d.Ü.] nennt in ihrem Buch Die mehrstimmige Revolution ein solches Beispiel aus der Schiffsreparatur, wo moderne Kommunikations- und Maschinensteuerungstechnologie die Produktion von Ersatzteilen usw. dezentralisieren könnte und damit Einsparungen hinsichtlich von Reparaturdauer, Transportkosten usw. erzielen würde.

Es läßt sich die Behauptung aufstellen, daß, solange der Wunsch nach dem größtmöglichen Profit die Technologieentwicklung bestimmt, so wird es nicht die Umwelt sein, die die besten Bedingungen erhält. Auf kurze Sicht gesehen, sind Umweltschutzmaßnahmen kostspielig und stehen im Wege, und der Kapitalismus denkt kurzsichtig. In Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844 [2] von Karl Marx fand ich unter der Überschrift "Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung" folgendes:

"Wir haben gesehn, welche Bedeutung unter der Voraussetzung des Sozialismus die Reichheit der menschlichen Bedürfnisse und daher sowohl eine neue Weise der Produktion als auch ein neuer Gegenstand der Produktion hat. Neue Bestätigung der menschlichen Wesenskraft und neue Bereicherung des menschlichen Wesens. Innerhalb des Privateigentums die umgekehrte Bedeutung. Jeder Mensch spekuliert darauf, dem andern ein neues Bedürfnis zu schaffen, um ihn zu einem neuen Opfer zu zwingen, um ihn in eine neue Abhängigkeit zu versetzen und ihn zu einer neuen Weise des Genusses und damit des ökonomischen Ruins zu verleiten. Jeder sucht eine fremde Wesenskraft über den andern zu schaffen, um darin die Befriedigung seines eigenen eigennützigen Bedürfnisses zu finden. Mit der Masse der Gegenstände wächst daher das Reich der fremden Wesen, denen der Mensch unterjocht ist, und jedes neue Produkt ist eine neue Potenz des wechselseitigen Betrugs und der wechselseitigen Ausplünderung."

Ihr müßt dieses Zitat für das nehmen, was es ist, aus seinem Zusammenhang gelöst, aber als ein Zitat, das m.E. aussagen sollte, daß die Technologie/Produktion einen Faktor darstellt, der in seinem Verhältnis zu den herrschenden Gesellschaftsverhältnissen analysiert werden muß. Und da kann es angebracht sein, ein wenig zurückzukommen zum Fortschrittsglaube.

Der Fortschrittsglaube

Die fortschreitende Entwicklung der Technologie wird viel diskutiert, insbesondere innerhalb der Bereiche Natur und Umwelt. Wenn wir die Ansichten über die Technologieentwicklung sehr grob aufteilen, können wir zwei entgegengesetzte Richtungen feststellen: Eine Richtung sagt, daß die Technologieentwicklung zu unserem Untergang führt, während die andere sagt, daß die Technologieentwicklung uns direkt zur gelobten Gesellschaft, dem Kommunismus führt. Letztere ist wohl diejenige, welche von manchen Fortschrittsglaube genannt wird.

Das feste Beharren auf der einen oder der anderen dieser beiden Richtungen halte ich für wenig fruchtbar. Die Entwicklung ist vielfältig und die Auswirkung einer konkreten Technologie hängt ab von der Gesellschaftsform in der sie benutzt wird. Die technologische Entwicklung ist auch beeinflußbar, sie ist nicht unabhängig von der Gesellschaftsform. Daher ist es wichtig, sowohl selbige Technologie zu analysieren, wie sie unter den herrschenden Gesellschaftsverhältnissen wirken kann, als auch wie sie unter den von uns angestrebten Gesellschaftsverhältnissen wirken kann. Wir müssen uns dessen gewahr sein, daß die Gesellschaft sich in Bewegung befindet, nichts steht still. Ich glaube an die Notwendigkeit einer Demokratisierung und Dezentralisierung der gesellschaftlichen Organisierung. Vor einigen Jahren gab es ein Projekt, das "Raus aus dem brennenden Haus" genannt wurde. Kjersti Ericsson redete damals viel von Dezentralisierung und Demokratie, in ihrem bereits erwähnten Buch wird diese Thematik aufgegriffen. Ich glaube, daß viele Lösungen und Ideen für Lösungen, die die Probleme rund um das Vorankommen in Richtung unserer Ziele behandeln, dort zu finden sind.

Die technologische Revolution heute

Es wird gesagt, wir befinden uns in einer großen, wichtigen technologischen Revolution. Alles wird sich verändern. Wir müssen auf den fahrenden Zug der Technologieentwicklung aufspringen. Wir müssen dabei sein und ihn ausnutzen, ihn mitsteuern zu unserem Besten. Damit bin ich im großen und ganzen einverstanden.

Was ist das Charakteristische an der heutigen Technologie und ihrer Entwicklung?

Es ist die IT, die Informationstechnologie, die die Technologie heute dominiert. Wie revolutionierend ist sie? Wozu führt sie, für was können wir sie im Rahmen unserer Arbeit nutzen? Dies müssen zentrale Fragen sein, wenn wir unsere Haltung zur IT-Revolution abwägen wollen.

Die IT-Technologie beinhaltet zweierlei: Avancierte technische Einrichtungen, z.B. PCs, und eine neue Denkweise hinsichtlich der Organisierung, der Verarbeitung von Informationen, objektorientiert, Kunde[client]/Diener[server]. Die ersten eigentlichen elektronischen Datenmaschinen kamen bereits in den 1940er Jahren heraus. Sie wurden größer und größer, kräftiger und kräftiger bis in die 1970-80er Jahre. Ende der 70er kam etwas Neues auf: die Dezentralisierung der Datenverarbeitungsskraft. Die Mikromaschine, der PC wurde geboren.

Technisch sind diese dann in ihrer Stärke immer weiter gewachsen und im Volumen geschrumpft. Die PCs führten zu einer sehr dezentralisierten Denkweise auf vielen Gebieten. Das zu einer großen Datenmaschine gehörende Kollektiv wurde zersplittert, die Arbeit individualisiert. Wir brauchen keine Superdialektiker zu sein, aber denke mal an die Yuppie-Zeit der 80er Jahre... Nach und nach, wie wir uns Richtung der 90er Jahre bewegen, ändert sich dies zum Teil. Wir erhalten das Datennetzwerk. Die einzelnen Individuen werden über das Datennetzwerk miteinander verknüpft, und sie arbeiten an gemeinschaftlichen Datenbasen. Im übrigen hat sich die technologische Entwicklung m.E. in den letzten Jahren in hohem Maße gemäß dem Prinzip entwickelt: "Probleme werden mit mehr Stärke und Macht gelöst".

Demnach wird, wenn die Datenmengen groß und die Präsentationsformen zu anspruchsvoll für die Kapazität des PCs werden, ein PC-Motor mit mehr Pferdestärken gebaut. Auf dem Feld der Problemlösungen, die ohne mehr Pferdestärken auskommen, gibt es nur in geringem Maße eine Entwicklung. Auf mehreren Feldern innerhalb der Datenverarbeitung führten die PCs zu einem Rückschritt, ein Rückschritt, der ausgeglichen wird mit Pferdestärken. Das fachliche Niveau der IT wurde zurückgeschraubt. Anstelle der Ausbildung von IT-Fachpersonal wurden kräftigere Maschinen entwickelt, und Verbesserungen kommen mit neueren und noch kräftigeren Maschinen, und Verbesserungen von IT-Programmen erfolgen ausgehend von den Voraussetzungen noch kräftigerer Maschinen.

Du mußt ständig neue kräftigere Datenmaschinen kaufen, um die neuen besseren Programme verwenden zu können. Eine enorme Energieverschwendung. Nun zur anderen Seite der IT-Technologie. Ich sprach von Objektorientierung, Kunde/Diener. Dieses war eine Entwicklung, über die man fast korrekterweise sagen müßte, daß sie in Norwegen begann, ein Stück weit in den 50er Jahren. Kristen Nygård [langjähriger Vorsitzender der Massenorganisation "Nein zur EU", d.Ü.] ist einer von jenen, die daran beteiligt waren, die Sache in Gang zu setzen.

Es begann innerhalb der Forschungsarbeit der Verteidigung, vielfach verbunden mit Simulationen militärischer Aktivitäten. Ich werde nicht soviel darüber sagen, worum es sich bei der Objektorientierung, Kunde/Diener im einzelnen dreht, aber ich glaube, daß es sich so ausdrücken läßt, daß es etwas mit Dezentralisierung zu tun hat. Es drückt auf eine Weise ein wenig das gleiche aus, wie die Entwicklung auf der IT-Maschinenseite. Das Neue bestand darin, große zusammenhängende Prozesse aufzusplittern in viele kleine, unabhängige, zusammenspielende Prozesse. Die Programme wurden stärker den wirklichen Prozessen angepaßt, die sie simulieren. Ihre Entwicklung konnte eine Zeitlang innerhalb des Konzeptes großer, gemeinschaftlicher IT-Maschinen erfolgen, aber einer wirklichen Entwicklung unterliegen sie erst, wenn das Netzwerk ein Teil der IT wird. Und da befindet sich Norwegen nicht mehr in einer so sehr zentralen Position diesbezüglicher Entwicklung.

Das Internet

Das Internet ist wohl so ca. 25 Jahre alt, aber seine Ausweitung in Anwendungsbereichen und die Anzahl seiner Nutzer hat erst jetzt, in den letzten Jahren enorm zugenommen. Das Internet besitzt eine sehr dezentralisierte Organisation und ist anarchistisch in positiver Hinsicht. Dies macht es zu einem enorm nützlichen und positiven Kommunikationswerkzeug. Und das müssen wir uns zunutze machen. Hier bin ich einig mit denen, die meinen, daß wir alle es in unserer politischen Tätigkeit in Gebrauch nehmen sollten. Als Kommunikationswerkzeug besitzt es seine unmittelbare positive Bedeutung.

Ein anderer Aspekt des Internets, der betont wird, ist seine Informationskapazität, seine Möglichkeit, einen Zugang zu Informationen zu geben, Informationen zu verbreiten. Dazu ist anzumerken, daß anarchistisch organisierte Information äußerst schwer zugänglich und daher von äußerst geringer Bedeutung ist. Information, die von niemandem gefunden wird oder von der niemand etwas weiß, besitzt keine Kraft.

Wenn wir das Internet als Informationsbank benutzen wollen, müssen wir uns Gedanken machen über die Organisierung der Informationen, die wir auslegen. Ich denke, es wird einen großen Bedarf an Bibliothekaren rund ums Internet geben. Eine weitere Anmerkung rund ums Internet und die Netzwerkanwendung: Es heißt, daß sich im Internet auf eine Weise alle treffen können, unabhängig von Zeit und Ort. Also können und müssen wir international, global denken. Das Netzwerk und die neue Kommunikationstechnologie ermöglichen es dem Unternehmen, seine Tätigkeit auszustreuen und trotzdem wie eine Einheit zu sein. Das bedeutet wiederum, daß z.B. ein Sachbearbeiter gut zu Hause sitzen kann und Zugang zu all den Sachen hat, wegen derer er zuvor zur Firma mußte, um auf sie zugreifen zu können. "Erledige deine Arbeit, wo immer du willst" lautet eine Plakatwerbung von PC- und Mobiltelefon-Händlern und zeigt ein Segelboot in feinstem Segelwetter. Ja, die Möglichkeit ist schon gegeben, aber wie weiter?

Entscheidend im Kapitalismus von heute ist die Internationalisierung. Die Netzwerktechnologie ermöglicht dies auf ihre Weise. Das Kapital besitzt einen großen Bedarf an Beweglichkeit, und die Arbeitskraft muß beweglich und flexibel sein. Das Kapital wünscht keine gut organisierten, großen Gruppen von Arbeitern. Die IT, wie sie sich heute darstellt, kann m.E. in hohem Maße dem Kapital hierselbst beim Lösen behilflich sein. Aber in der heutigen IT liegt auch die Möglichkeit zur Dezentralisierung und Demokratisierung. Das müssen wir nutzen.

Welche Bedeutung hat/oder kann die Technologie heute umwelt- und energiemäßig haben? Nur ein paar Worte. Es ist das Beispiel von den Schiffswerkstätten genannt worden, wo der Transport verringert werden kann, und wahrscheinlich auch die Produktion insgesamt. Ich glaube auch, daß sehr viel im Transportbereich gespart werden kann. Treffen von Teilnehmern aus Orten mit großen geographischen Abständen können abgehalten werden, ohne daß jemand zu reisen braucht. Es wird möglich sein, viele vernünftige und zufriedenstellende Sitzungen zwischen Personen abzuhalten, ohne daß irgendjemand viel Zeit und Energie für den Transport verwenden braucht.


[1] Karl Marx: Das Kapital, Bd.I, II.Abschn., 4.Kap., Pkt.3, EVA 1967, S.185. [Zurück]

[2] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, 3.Mskr., [Bedürfnis, Produktion und Arbeitsteilung] in: MEW, Ergänzungsbd., Schriften bis 1844, 1.Teil, Dietz 1974, S. 546/547. [Zurück]


Übersetzung ins Deutsche: Per Losch