Kommunistische Partei der ArbeiterInnen (Norwegen)

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Würde Europa nach Europa
hineingelassen werden?

von Pål Steigan

Aktueller Artikel aus dem Jahre 1992


[Pål Steigan, der Autor des hier vorliegenden Beitrags war von 1975-1984, während der "großen Zeit" der AKP(ml), deren Vorsitzender. In dieser Eigenschaft wurde ihm seinerzeit auch ein Empfang bei Mao Tse-Tung zuteil. Pål ist Autor einiger Bücher, u.a.: Eine verdiente Antwort (1981), Auf dem Platz des himmlischen Friedens (1985), Am Scheideweg - Gibt es einen Weg aus der ökologischen Krise? (1990), Die Zeit der Wölfe - oder der Mythos einer neuen Weltordnung (1992), - d.Ü.]


Zeus, hier in Gestalt eines Schwanes, hat es auf Leda abgesehen

Zeus, hier in Gestalt eines Schwanes, hat es auf Leda abgesehen.


Europa war eine hübsche junge Frau, eine Offenbarung von Schönheit. Sie war eine phönizische Prinzessin, Tochter von König Agenor. Eines Tages wurde sie beim Blumenpflücken vom lüsternsten und rücksichtslosesten der Götter des Olymp entführt, nämlich von Zeus. Der hatte sich zu diesem Zweck als Stier verkleidet und führte das junge Mädchen nach Kreta, wo er es vergewaltigte. Ihre Nachkommen wurden die Herrscher der Insel. Später wurde Europa als Göttin der Insel verehrt. Es soll ihr Bruder gewesen sein, ein Prinz und ein tüchtiger Seefahrer wie alle Phönizier, der unserem Kontinent den Namen gab. Die Phönizier segelten rund um Afrika, zweitausend Jahre bevor der Baske aus Gama das Kap der Guten Hoffnung umrundet hatte, und sie gründeten Städte wie Karthago und das heutige Cádiz. Sie legten die Grundlage für etwas, das sich zum griechischen und lateinischen Alphabet entwickeln sollte. Für sie war Europa ein dunkler Kontinent mit primitiven Stämmen und großen Wäldern. Unzivilisiert, aber vielleicht auch reizvoll, weil einem seefahrenden Prinzen die Idee kam, dieses dunkle Festland nach seiner hübschen Schwester zu benennen. Am wahrscheinlichsten ist es freilich, daß Europa anfangs nicht die Bezeichnung für den Kontinent, sondern einfach für das griechische Festland war.

Europa ist nicht in so hohem Maße ein geographischer wie ein politischer Begriff. Während des EWG-Kampfes von 1972 hieß es von der Ja-Seite, daß wir uns Europa anschließen müßten. Das Europa, von dem sie sprachen, umfaßte damals sechs Länder und sollte laut Plan auf zehn ausgeweitet werden. 1986 erhielt ich zur Begutachtung ein fünfbändiges Werk zur Geschichte Europas vorgelegt. Ich war anfangs sehr positiv gestimmt, da ein gutes Europa-Geschichtswerk in Norwegisch noch fehlt. Allerdings stellte sich heraus, daß Europa sich bis nach Berlin im Osten und bis zum Skagerrak im Norden erstreckte, also ein typisches EU-Produkt aus französischer Sicht. Zentraleuropäische Städte wie Prag und Budapest, um nicht von östlichen Städten wie Warschau und Leningrad zu sprechen, waren in diesem Europa-Begriff nicht enthalten. Nicht zuletzt aus diesem Grund wendete ich meinen Daumen nach unten, in Übereinstimmung mit anderen, die sich ebenfalls zu äußern hatten. Weniger als vier Jahre später war es für alle klar geworden, wie falsch eine solche Europa-Perspektive ist. Jetzt machen die 15 EU-Länder, die in der Ja-Propaganda fortgesetzt "Europa" genannt werden, weniger als ein Drittel der unabhängigen Nationalstaaten in Europa aus. Nach dem Fall der Berliner Mauer begann Gorbatschow von "einem gemeinsamen Europäischen Haus" vom Ural bis zum Atlantischen Ozean zu sprechen. Dies ist selbstverständlich ein ebenso ideologisch betonter Europa-Begriff wie alle anderen. Es wurden sowohl interne als auch externe Absichten verfolgt. Intern wollte Gorbatschow, wie Peter der Große, das "asiatische" Rußland in Richtung West-Europa zwängen und extern wollte er, fortgesetzt in Übereinstimmung mit Peter, Anerkennung dafür erzielen, daß Rußland mit zu den europäischen Staaten gehört.

Geographisch gesehen ist es offensichtlich unmöglich, irgendeine exakte und undiskutierbare Definition von Europa zu geben. Das, was wir unseren Kontinent nennen, ist nur der kleine westliche Ausläufer des gewaltigen eurasischen Kontinents. Man könnte sich ebensogut denken, das ganze Gebilde Asien zu nennen und unseren Teil dessen West-Asien. Das Gewöhnliche ist, die Grenzlinie zwischen Asien und Europa entlang des Uralgebirges und längs des Flusses Ural runter zum Kaspischen Meer zu ziehen, durch die Manytschniederung zum Asowschen Meer, zum Schwarzen Meer und weiter durch den Bosporus und nach unten, dicht entlang der türkischen Küste. Dies ist selbstredend ganz zufällig. Ich habe es am praktischsten gefunden, Rußland ganz runter zum Kaukasus zu Europa zu zählen. Das ergibt die spaßige Konsequenz, daß der Montblanc nicht länger der höchste Berg Europas ist. Dieser französisch-italienische Berg wird gründlich (mit ca. 1000 m) vom Elbrus und einer Reihe anderer kaukasischer Bergspitzen geschlagen. Das ist etwas, was viele nicht mögen, weil es auf die eine oder andere Art "unsere" Bedeutung reduziert, aber es gibt mindestens gleich gute Argumente, um die Grenzlinie bei der Wasserscheide Kaukasus zu ziehen als wie bei einem seichten Tal auf einer Ebene nördlich der Gebirgskette.

Nun hat sich auch die Türkei zu Wort gemeldet. In großen Annoncen im Economist und anderen westeuropäischen Magazinen werden unermüdliche Anstrengungen unternommen, um die Idee von der Türkei als europäischem Land zu verkaufen. (Das war 1992.) Wiederum hat es mit Ideologie und politischer Macht zu tun. Die Türkei möchte Mitglied der EU werden und hat Großmachtambitionen auf dem Balkan und in West-Asien. Den Nachfahren Atatürks ist nicht entgangen, daß es leichter ist, internationale (lies: westliche) Anerkennung für solche Ambitionen zu bekommen, wenn man sich als Europäer definieren kann. Economist quittiert die großen und sicherlich auch teuren Annoncen mit einem engagierten Argumentieren dafür, daß die Türkei zu Europa gehört. Das Land hat nämlich in mehr als zwei Drittel der letzten 2500 Jahre dem europäischen Kulturkreis angehört, während es nur im letzten Drittel von "Leuten, die aus Asien kamen", kontrolliert gewesen ist. Zu Beginn dieser 2500 Jahre gehörte also nicht der Großteil des heutigen Europa zu dem, was später die europäische Kultur genannt werden sollte. Kleinasien hatte mehr gemeinsam mit den Kulturvölkern wie den Ägyptern und den Babyloniern als mit den barbarischen Germanen. Die heutigen Türken hingegen haben mehr gemeinsam mit den Xinjiang-Uiguren in China, als sie mit den Deutschen oder den Engländern gemeinsam haben.

Das Problematische an der Argumentation des Economist ist nicht, daß etwas im Wege wäre mit den kulturellen Wurzeln der Türkei. Ich hätte Lust, der Redaktion des Economist einen Strohhalm zu reichen, ein Argument, an das sie kaum gedacht haben werden: Neuere Forschungen haben nämlich ergeben, daß das, was wir heute den europäischen Kontinent nennen, von vor ca. 10.000 Jahren an nach und nach von Bauern aus Anatolien bevölkert wurde. Diese Logik würde freilich als Folgerung nicht ergeben, daß die Türkei zu Europa gehört, sondern genau umgekehrt, daß Europa zur Türkei gehört, und das wäre wohl ein zu hoher Preis für türkische Bank-Annoncen. Im zentralen Anatolien fanden sich einige der ältesten Städte der Welt. Hier lag das alte Çatal Höyük, wo es vor 8000 Jahren Stadtsiedlungen gab. Und wenn man die Türkei erst in den Parnaß emporgehoben hat, denn das ist ja wohl die Absicht, könnte man vielleicht den Weg zu Ende gehen und den Namen Europa dorthin zurückbringen, wo er hingehört, nämlich nach Phönizien, d.h., den Libanon miteinzuschließen. So könnte die gekränkte phönizische Prinzessin endlich Genugtuung erfahren. Nein, das Problem mit diesem Typus von Argumenten besteht darin, daß es sich um vikariierende Motive handelt. Es handelt sich nicht um Geographie oder um Kultur. Es handelt sich, wie so oft zuvor, um Geld und Macht. Es sollte z. B. viele gute Gründe dafür geben, die Albaner in den ausgeweiteten Europa-Begriff miteinzuschließen. Odysseus segelte am Morgen der Geschichte in albanischem Fahrwasser. Wie die Illyrer sind die Albaner verwandt mit den Etruskern, die in den nördlich von Rom gelegenen Landstrichen eine der frühesten Hochkulturen Europas erschufen. Das Land war Teil des Kerngebietes des westlichen Römerreiches. Aber seht, welcherart Willkommen ihnen entgegengebracht wurde, als einige Zehntausend von ihnen sich auf individueller Basis in die EU integrieren wollten. Die Flüchtlinge wurden in Bari so entwärdigend und übel behandelt, daß es schwierig wird für jemanden, der danach noch von europäischen humanistischen Traditionen spricht. Wären es Tiere gewesen, die auf diese Art und Weise behandelt wurden, so wären die italienischen Behörden zurecht wegen Tiermißhandlung angezeigt worden. Doch nun blieb es still, weil es darum ging, ein Exempel zu statuieren: So ergeht es armen Leuten, die glauben, sie könnten zu den Fleischtöpfen Europas flüchten.

Der politische Kampf um den Europa-Begriff ist alt und wird fortgesetzt werden. Die Ursache dafür ist nicht geographischer oder kulturhistorischer, sondern ökonomischer und machtpolitischer Natur. Eigentlich ist das Hinzurechnen der griechischen Kultur zu Europa eine Konstruktion des nordeuropäischen Imperialismus, der Engländer, der Franzosen und der Deutschen. Wie Hegel sagte: "Der Name Griechenlands trifft direkt in das Herz der gelehrten Männer Europas, und insbesondere von uns Deutschen."(!) Der Junghegelianer Marx war sich mit seinem Lehrmeister darin einig, daß die Kindheit der Menschheit vom Osten und deren Jugend von Griechenland repräsentiert werde. Beide waren sie, wie Byron und Shelley, typische Repräsentanten der romantischen Verehrung des Griechenlands der Antike als etwas Höherstehendem und grundlegend Verschiedenem von Ägypten, Phönizien und dem Orient. Historisch gesehen war die griechische Hochkultur mit ihren Philosophen, ihrer Akropolis, ihren klassischen Dramen und all dem in viel stärkerem Maße eine levantinische Kultur. Griechenland war verbunden mit Ägypten, Phönizien, Mesopotamien und Babylon und nicht mit den Barbaren in den nordeuropäischen Wäldern. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts begann ein Prozeß des Weiß-Tünchens der griechischen Kultur. Die Deutschen meinten sogar, daß die schneeweißen Tempel und Statuen ein Beweis für die Erhabenheit der Griechen wären. Dies war, bevor man herausgefunden hatte, daß diese ursprünglich bemalt gewesen waren! Während man sich früher über die Verbindungen zwischen der Levante und Griechenland im klaren war, nicht zuletzt weil die alten Griechen dies selbst erkannten, wurde in der Kindheitsphase des modernen Imperialismus damit begonnen, die Spuren von dunkler Haut, von Afrika und dem Orient zu entfernen, und man machte Homer, Platon und Perikles zu einer Art frühzeitiger britischer und deutscher Spießbürger. Es wird so unendlich viel leichter, für "the white man's burden" zu argumentieren, wenn man erst die Tatsache weglügen kann, daß wir der orientalischen und Ägyptischen und später der islamischen Kultur Dank schuldig sind.

In "Black Athena - The Afroasiatic Roots to Classical Sivilization" nimmt Martin Bernal eine gründliche Abrechnung mit dieser eurozentristischen Geschichtsauffassung vor. Wie Basil Davidson in seinem Werk über Afrika Verbindungen zwischen Ägypten und dem schwarzen Afrika herstellt, so knüpft Bernal sprachliche, religiöse, kulturelle und handelsmäßige Verbindungen zwischen den alten Kulturvölkern des zentralen Mittelmeer-Raumes.

Athene wurde der Mythologie zufolge voll ausgewachsen geboren und entsprang dem Kopfe des Zeus als eine schöne Frau. Es heißt, daß die Griechen Schwierigkeiten damit hatten, sie in ihre patriarchalische Götterwelt einzuordnen, daß sie eine Erinnerung an die frühen Muttergottheiten sei, die im gesamten zentralen Mittelmeer-Raum unter so vielen Namen verehrt wurden wie Isis in Ägypten, wie Astarte und Ishtar in Palästina und Babylonien, um nur einige ihrer vorherigen Egos zu nennen. Die oberste Gottheit der Frauenreligionen war so stark, daß die Männer-Religionen es nicht zulassen konnten, Rücksicht auf sie zu nehmen, auch nicht, als sie bereits gesiegt hatten. Wenn Bernal sie auch als die schwarze Athene bezeichnet, verknüpft er sie, und damit einen wesentlichen Teil der griechischen Kultur, mit den nicht-weißen Völkern südlich und östlich des Mittelmeeres.

Bernal geht in der Zeit zurück und zeigt, wie Hesiod und Herodot offen über die starke Verbindung zwischen Griechenland und Ägypten schrieben. Wenn uns die kurzen Entfernungen bekannt sind und wir wissen, daß diese Leute tüchtige Seefahrer waren, wenn wir wissen, daß die Phönizier Afrika umsegelten, und wenn uns die Mythen über den tüchtigen Seefahrer Odysseus und über Jason bekannt sind, der weit ins Schwarze Meer hineinsegelte, dann ist es unverständlich, daß diese Völker keine Verbindungen zueinander gehabt haben, sich nicht gegenseitig beeinflußt haben sollen. Noch unverständlicher wird dies, wenn wir so viele Gemeinsamkeiten in ihren Mythen und ihrer Götterlehre finden. Die chinesische Mauer, die die deutschen und britischen Klassiker zwischen dem annähernd überirdischen Griechenland und seinen südlichen Nachbarn errichteten, ist unverständlich aus dem einfachen Grund heraus, daß es sie nicht gab! Sie war eine gedankliche Konstruktion, die dem Bedürfnis der nordeuropäischen Bourgeoisie, sich im Zentrum der Welt zu plazieren, entsprungen war. Der preußische Aristokrat Wilhelm von Humboldt wollte ein System erschaffen, das zwischem dem Adel und dem, was er als die Exzesse der französischen Revolution betrachtete, lag. Für ihn war die griechische Sprache, gleichermaßen wie die deutsche, reint og ekte, rein und echt. Der griechische Freiheitskampf von 1921 gab den Anstoß für die Vereinigung der radikalen und anti-autoritären Strömungen mit den romantischen und nationalistischen. Es wurde wichtiger als je zuvor zu zeigen, daß die griechische Kultur der asiatischen Barberei hoch überlegen sei. Wie Shelley schrieb: "Wir sind alle Griechen, unsere Literatur, unsere Religion und unsere Kunst haben alle zusammen ihre Wurzeln in Griechenland. Ohne Griechenland ... wären wir weiterhin Barbaren und Götzenanbeter geblieben." Byron, der in dem Freiheitskampf der Griechen eine Parallele zum eigenen Kampf der Schotten für Unabhängigkeit sah, behauptete, daß der Kampf für Griechenland mit dem Kampf gegen Dschingis-Khan zu vergleichen sei. Zur gleichen Zeit zog man erneut Bilanz über die 800 Jahre blühender Kultur der Mauren in Spanien, und während man früher mit einer gewissen Symphatie auf diese Zeit geblickt hatte, kam man nun zu dem Ergebnis, daß es sich auch um ein Reich des Bösen handelte.

Das 19. Jahrhundert definierte die Geschichte des Altertums um nach dem Bedarf der nordeuropäischen Bourgeoisie, nicht auf der Grundlage wissenschaftlicher Analysen, sprachhistorischer Studien oder archäologischer Funde, sondern ausgehend von rein ideologischen und politischen Haltungen.

Jetzt wird die Errichtung einer "Festung Europa" geplant, die die Privilegien einiger der reichsten Nationen der Erdkugel sichern und verhindern soll, daß die Verdammten dieser Erde etwas anderes bekommen als die Krümel, die die Reichen von ihrem Tisch herunterfallen lassen mögen, vorausgesetzt die Armen zeigen eine hinreichende Dankbarkeit für diese Krümel. Um ein derartiges Projekt zu rechtfertigen, wird eine Aktualisierung des alten, weißen Europa-Begriffes benötigt, eine Version 5.2 sozusagen, die die neuen Staaten, die wir gern dabei hätten, mitnehmen kann, und diejenigen außenvorhält, die wir nicht wünschen. Slowenien und Kroatien gehören zu Europa, keine Frage, da sie in den gemeinschaftlichen großdeutschen Raum integriert werden sollen. Fragwürdiger ist es mit den Serben, um nicht davon zu sprechen, wie unbehaglich es werden könnte, wenn Kasachstan und ähnliche die Eingliederung nach Europa fordern sollten. Es ist schon schlimm genug mit den Russen. Freilich haben sie eine der schönsten Städte Europas, aber eigentlich sind sie ja ziemlich asiatisch. Vielleicht endet man bei der Wiederholung der klassischen Definition, die besagt, daß Asien am Rennweg in Wien beginnt, weil es dort war, bis wohin die Türken bei der Belagerung der Stadt vordringen konnten? ("Wien ist das östliche Tor des Westens, und Budapest ist das westliche Tor des Ostens", schreibt György Konrád.) Aber nein, bei genauerem Nachdenken macht man dies wahrscheinlich nicht. Der Europa-Begriff ist ein ideologischer Begriff. Er soll gewissen ökonomischen und strategischen Interessen dienen, nämlich das falsche Bewußtsein zu sein, auf dem das neue übernationale EU-Staatsprojekt gebaut werden soll, und die Ambitionen reichen weiter als bis zum Rennweg.

Der offenbare Rassismus im neuen Europa-Begriff wird von ökonomischem und marktstrategischem Bedarf modifiziert werden. Deutschland auf der einen und die USA/England auf der anderen Seite rivalisieren um die Gunst der Türkei. Der Englisch sprechende Block sammelte einige Punkte während des Golfkrieges, während Kohl schwer daran arbeitet, etwas zuwege zu bringen. Die Herrscher in England möchten mit großem Nachdruck den Rassismus gegenüber der Türkei herunterspielen im Tausch gegen ein mögliches Gegengewicht gegenüber Deutschland. Deutschland seinerseits hat klaren strategischen Bedarf für eine Allianz in Richtung Süd-Ost, längs der alten Berlin-Bagdad-Trasse. Aber durch die überaus aktive Parteinahme für Slowenien und Kroatien hat Deutschland eine Situation geschaffen, in der die muslimischen Völker auf dem Balkan sich zwecks Hilfe an Ankara wenden.

Wenn nun aber das türkische Bürgertum in den neuen Europa-Begriff integriert werden sollte, so verringert dies nicht den realen Rassismus im EU-Projekt. Der alte Nationalstaat hat seine Rolle für das Bürgertum Europas weitgehend ausgespielt. Es ist der neue supranationale Staat, der diese Rolle übernehmen soll. Dieser Staat wird nicht mehr die ethnische Legitimität aufweisen, die eine so zentrale Rolle im deutschen oder teilweise im norwegischen Nationalismus des vorigen Jahrhunderts spielte. Die Paßkontrollen zwischen den Mitgliedsländern verschwinden und werden durch noch härtere Kontrollen gegenüber der Umwelt ersetzt. Um dieses Regime ideologisch zu festigen, wird eine europäische Identität benötigt. Sie muß richtig an die Integrierten und die Ausgeschlossenen angepaßt sein, um diesem neuen Staatsprojekt dienlich zu sein. Innerhalb der zwölf Mitgliedsländer war man mit dieser Ideologie weit vorangekommen, aber die Havarie im Osten hat Probleme geschaffen. Es sind nicht nur die ökonomischen und politischen Strukturen in der EU, die Schwierigkeiten beim Umgang mit diesem Strom neuer Kandidaten bereiten. Die Europa-Ideologie ist auch nicht ausreichend entwickelt, um die Grenzen genau dort zu ziehen, wo sie sich zweckmäßigerweise befinden sollten. Im Osten stehen vielleicht 20 Millionen arbeitslose und arme Menschen reiseklar. Die Bürokraten in Brüssel haben in der Nacht sicher schlechte Träume von ihnen. Auf der anderen Seite möchte man sicherlich das schöne Prag oder die alte Kaiserstadt Budapest einschließen. Dann hätte man das Wichtigste des habsburgischen Reiches im Hause. Aber das der Eurochauvinismus die Roma aus Rumänien oder die bosnischen Muslime einbeziehen könnte, ist undenkbar. Freilich sind Kasachstan und andere zentralasiatische Staaten in die KSZE - Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa - aufgenommen worden, aber sie werden niemals als gleichwertige Partner akzeptiert werden in einem Projekt, welches die Errichtung einer Festung Neuropa zum Ziel hat, mit Krokodilen im Wallgraben und einer strengen Fremdenkontrolle auf der Zugbrücke.


Übersetzung ins Deutsche: Per Losch